01.12.2021
Sozialer Zusammenhalt

Kleine Handgriffe erleichtern den Alltag

Judith Oehri, Ewald Ospelt und Inge Schatzmann haben im Rahmen eines Interviews Fragen zum Zeitmodell in Liechtenstein beantwortet. Denn Hilfe anzunehmen braucht für viele noch Überwindung.

Die Phase nach der Gründung des Vereins Zeitvorsorge Liechtenstein lief aufgrund der Pandemie nicht gerade optimal.

Judith Öhri, Geschäftsführerin: Wir haben durchaus einen holprigen Start hinter uns, da wir unser Vorhaben coronabedingt nicht in dem Masse der Öffentlichkeit vorstellen konnten wie geplant. Ebenfalls waren persönliche Gespräche, um das Projekt der Bevölkerung näherzubringen, nicht möglich. Hinter unserer Idee steckt ein gewisser Idealismus und wir möchten dafür sorgen, dass die Menschen so lan- ge wie möglich Zuhause bleiben können.

Wie funktioniert «Zeitpolster»?

Judith Öhri: Sobald die Hilfe stattgefunden hat, reichen die Helfenden ein Formular ein und die geleisteten Stunden werden auf ein Konto gutgeschrieben. Diese geleisteten Stunden dürfen sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder einlösen. Da unterscheiden wir auch nicht, ob es sich um Gartenarbeit oder administrative Angelegenheiten handelte, eine Stunde ist eine Stunde. Sie erhalten nie Geld dafür.

Ewald Ospelt, Vereinspräsident: Jegliche Arbeit ist gleich viel wert. Dieser Ansatz ist spannend, denn in der Berufswelt ist dem überhaupt nicht so. Man weiss ja als ehemalige Helfende im Voraus nicht, welche Art von Gegenleistung ich eines Tages im Alter in Anspruch nehmen werde.

Und wie sieht das zu Beginn aus? Diejenigen, die Unterstützung beanspruchen haben wahrscheinlich noch gar kein Zeitguthaben?

Judith Öhri: Stand jetzt haben diese Personen noch kein Zeitguthaben. Sie vergüten die Zeit mit zehn Franken pro Stunde. Das sind zum einen, um die Organisationskosten zu decken und zum anderen ein Beitrag für das «Notfallkonto», um Leistungen zu bezahlen. Es wird benötigt, falls jemand eine Leistung von uns in Anspruch nehmen möchte, die wir in Zukunft vielleicht nicht bieten können und dadurch auf andere Anbieter angewiesen sind.

Das Startkapital ist primär durch eine Stiftung zusammengekommen. In welchen Bereichen kam dies zum Einsatz?

Judith Öhri: Das war in erster Linie für den Aufbau und die Administration der Organisation. Die Stiftung Lebenswertes Liechtenstein setzt sich für nachhaltige Projekte in der Gesellschaft ein. Zusätzlich wird auch die ganze Öffentlichkeitsarbeit damit finanziert. Derzeit arbeite ich noch in einem Pensum von 30 Prozent. Längerfristig werden wir sehen, auf welches Pensum reduziert werden kann. Es soll möglichst viel mit Freiwilligen erledigt werden.

Ewald Ospelt: Die Stiftung Lebenswertes Liechtenstein ist annähernd zur selben Zeit wie wir gegründet worden, darum waren wir nach Einreichen eines Gesuches um Fördermittel auch glücklicherweise das erste Projekt, das sie unterstützten. Dafür sind wir sehr dankbar und halten uns natürlich an die Vorgaben einer diesbezüglichen Vereinbarung. Unser Vereinsvorstand mit den Teammitgliedern ist gut vernetzt und aufgestellt. Das Ziel ist es nun, dass wir uns nach vier Jahren selbst finanzieren. Damit eng verbunden ist natürlich der Umstand, dass möglichst viele Personen unser Angebot in Anspruch nehmen und wir dadurch unsere Fixkosten decken können. Speziell in dieser durch Corona geprägten Zeit ist dies leider kein leichtes Unterfangen.

Wofür werden sie das Geld der Spendenaktion einsetzen?

Judith Öhri: Für das «Sozialkonto». Dies ist dazu da, wenn die Hilfe suchende Person die zehn Franken nicht aufbringen kann. Das kommt durchaus vor. Eine weitere Möglichkeit, die wir in Betracht ziehen, wäre uns bei den Helfenden zu bedanken mit einem Anlass oder Essen, um uns mit ihnen auszutauschen. Denn mit den 50 Rappen aus den zehn Franken, die wir dafür beiseite legen, kommt kaum etwas zusammen. So würden wir das Spendengeld sinnvoll nutzen.

Ewald Ospelt: Wir möchten damit den Einsatz der Helfenden wertschätzen und uns auf diese Weise bedanken. Weiter dienen solche Anlässe auch für den Austausch untereinander und dem notwendigen Zusammenhalt.

Wie sind die Helfenden derzeit ausgelastet?

Inge Schatzmann, Teamleiterin: Ich habe in meinem Team die Erfahrung gemacht, dass einige das Gefühl haben, sie werden kaum wahrgenommen, weil sie noch nicht zum Einsatz kamen. Die Nachfrage ist wie bei allen neuen Systemen noch gering, wächst aber monatlich. Zudem möchten die Personen jeweils stets dieselben Helfenden bei sich haben, weil das Vertrauen bereits vorhanden ist.

Welches sind die Gründe, warum sich die Menschen nur zögerlich melden?

JudithÖhri:Die Betroffenen,machen oft einen Bogen um uns herum. Es sind eher ihre Angehörigen, die auf uns zu kommen, um Informationen zu erhalten. Ich denke, es ist noch immer ein Schamgefühl vorhanden, selbst Hilfe in Anspruch zu nehmen. Das ist deutlich schwieriger, als Hilfe zu leisten. Weiter haben wir einige gute Organisationen im Land, die Menschen unterstützt. Einige setzen ihr Vertrauen in ihre Kinder, auch wenn diese berufstätig sind.

Ewald Ospelt: Wir können es auch positiv anschauen. Unsere Gesellschaft ist noch nicht an dem Punkt angelangt, weil die Nachfrage nach externer Hilfe zu gering ist und die Nachbarschaftshilfe vielfach funktioniert. In einer kleinen Gemeinde ist dies vielleicht noch eher der Fall, man kennt sich (noch). Doch in grösseren Gemeinden mit fast schon städtischen Verhältnissen und eher vielen Mehrfamilienhäusern ist das nicht mehr unbedingt der Fall. Die Entwicklung geht in diese Richtung. Der Rückgriff auf die eigenen Kinder ist heute nicht immer so einfach, da sie mitunter gar nicht mehr im Nahbereich der Eltern leben oder beruflich sehr eingespannt sind.

Judith Öhri: Einige denken vielleicht auch, dass für so kleine Dinge wie Vorhänge aufhängen man uns gar nicht kontaktieren kann. Aber genau diese kleinen Handgriffe erleichtern den Alltag und dafür sind wir da. Wir haben auch schon Schränke demontiert und in ein anderes Zimmer transportiert. Interessant und erfreulich ist, wer einmal Zeitpolster in Anspruch genommen hat, der kommt immer wieder.

Ewald Ospelt: Es kommt jeweils auf den Umfang an. Wir sind keine Umzugsfirma und reinigen auch nicht komplette Wohnungen und ganz wichtig – wir wollen keinesfalls das hiesige Gewerbe mit unserer Tätigkeit konkurrenzieren.

Wo liegt die Hemmschwelle, um selbst Hilfe in Anspruch zu nehmen?

Judith Öhri: In der Gesellschaft ist es noch immer ein schwieriges Thema, zehn Franken zu bezahlen, damit jemand mit mir spazieren geht. Die Erwartungen an die eigenen Kinder sind oft hoch. Ich denke, Zeitpolster hat das Potenzial, Generationenkonflikte zu vermeiden. Man will Zeit für die eigene Familie haben, auch wenn man einem Beruf nachgeht und das kann rasch zu Spannungen führen.

Inge Schatzmann: Junge Menschen haben eine grosse Freude daran, zu helfen. Sie sind bereit und nehmen sich die Zeit.

Welche Arbeiten übernehmt ihr konkret?

Judith Öhri: Administrative Hilfe und Fahrdienst werden am häufigsten angefragt. Aber auch Gartenarbeiten (hier könnten wir noch ein paar Helfende brauchen) oder es hat uns mal jemand angefragt, ob wir helfen könnten, das Gartenhaus auszuräumen. Bisher konnte die Person dies selbständig erledigen, aber ab einem gewissen Alter ging das nicht mehr. Da haben wir einen Nachmittag lang geholfen. Es kommt jeweils auf die Umstände an. Wir rechnen teilweise sogar nur schon 15 Minuten ab. Das zeigt, dass wir wirklich Kleinigkeiten erledigen, wie eine Glühbirne wechseln bei einer Lampe. Viele Unfälle passieren im Haushalt, eben genau wegen solchen Dingen, wie auf eine Leiter steigen und runter fallen. Wir erhielten bereits anfragen, ob wir helfen, ein Badzimmer zu plätteln oder Gärten umzugestalten. Dies lehnen wir natürlich ab.

Ewald Ospelt: Wie gesagt, der Einsatz ist für die Helfenden immer freiwillig und nicht verpflichtend. Das Ganze ist eine Vertrauensangelegenheit und die erste Hürde ist meistens bereits die Vermittlung zweier Menschen.

Wie differenziert ihr euch von anderen Organisationen?

Judith Öhri: Regelmässig wird uns die Frage gestellt, ob wir nicht die Familienhilfe oder den Seniorenbund konkurrenzieren. Wir arbeiten mit diesen gut zusammen. Beispielsweise organisiert der Seniorenbund einen Anlass über den Umgang mit Computer für Senioren. Eine kompetente Personen erklärt dies den Teilnehmern und erhält dafür Stunden gutgeschrieben. Diejenigen, die mehr Unterstützung benötigen, melden sich für eine Nachbetreuung bei Zeitpolster. So ergänzen wir uns.

Ewald Ospelt: Die Bemühungen laufen in verschiedene Richtungen. Der nächste Schritt wäre, Menschen mit Demenz stundenweise zu betreuen, um dadurch beispielsweise die Angehörigen zu entlasten. Das ist jedoch eine diffizile Angelegenheit und benötigt unsererseits vorweg eine gezielte Schulung der Helfenden. Dasselbe gilt für die Kinderbetreuung. Der Bedarf ist für beide Bereiche vorhanden und wenn wir so weit sind, werden wir auch aktiv.

Was für Personen nehmen Hilfe in Anspruch?

Inge Schatzmann: Das Alter ist egal. Beispielsweise hat sich eine Person bei mir gemeldet, die eine Operation hinter sich hatte und nur eingeschränkt mobil war. Sie erkundigte sich, ob ihr nicht jemand bei Kleinigkeiten helfen könne. Es sind nicht nur Senioren. Oder auch Personen, deren Familie im Ausland lebt und hier kein grosses Umfeld haben.

Ewald Ospelt: Es muss ja nicht immer so sein, dass jüngere Personen älteren Menschen helfen. Beispielsweise könnte ein Lehrer einem Schüler Nachhilfe geben, und so für sich Zeit gutgeschrieben bekommen.

Judith Öhri: Eine weitere Möglichkeit ist unser Fahrdienst, wenn jemand beispielsweise das Bein gebrochen hat und in die Therapie oder zum Arzt muss.

Inge Schatzmann: Auch wenn man gut vernetzt ist, möchte man nicht immer dieselben Personen fragen oder den Mitmenschen zur Last fallen. Nein zu sagen fällt den Angehörigen in solchen Situation meist schwer. Hier können wir unterstützen.

Auf welcher Grundlage ist die Idee entstanden?

Judith Öhri: Die Stiftung Zukunft.li hat den Fachkräftemangel im Pflegebereich untersucht und auch, welches Betreuungsmodell für Liechtenstein geeignet wäre, damit Menschen möglichst lange autonom daheim blieben können. Sie haben uns auch beim Aufbau des Vereins Zeitvorsorge massgeblich unterstützt. Mit dem demografischen Wandel und der Globalisierung muss man los kommen von dem Gedanken, dass die Kinder einem später unterstützen. Denn die haben vielleicht selbst eine Familie, und dann sind noch zwei weitere Generationen, um die man sich kümmern sollte. Früher waren die Familien grösser, mit einem Job ist das fast nicht mehr zu stemmen.

Inge Schatzmann: Als Beispiel erlebte ich, dass jemand mich anrief, weil der Enkel Erstkommunion hatte und ich konnte es veranlassen, dass die Grosseltern, die nicht mehr selbst zur Kirche gehen konnten, dorthin gebracht wurden. Sie waren nicht mehr mobil und für die Familie selbst wurde einfach die Belastung zu gross. Nun können sie auf Zeitpolster zurückgreifen.

Judith Öhri: Kinder schenken ihren Eltern Gutscheine von Zeitpolster, weil diese gerne auswärts Kaffee trinken gehen. Damit können sie jeweils den Fahrdienst in Anspruch nehmen, ohne dass sie bei den berufstätigen Kindern ständig anklopfen müssen.

Kann jeder mithelfen?

Ewald Ospelt: Grundsätzlich ja, aber die Helfenden müssen sich selbst deklarieren, bzw. bestätigen, dass sie unbescholten sind. Wir wollen nicht einfach Helfende mit Hilfesuchenden verbinden. Wir tragen insofern eine Verantwortung und benötigen eine entsprechende Erklärung, um möglichst sicherzustellen, dass unsere Helfenden vertraunenswürdig sind. Auch die zu unterstützenden Personen müssen Vertrauen in uns haben können.

Judith Öhri: Wir müssen beide Seite schützen. Auf beiden Seiten besteht die Möglichkeit, nein zu sagen, wenn die Chemie nicht stimmt.

Das Interview als PDF:

Interview_Seite1
Interview_Seite2
Interview_Seite3