30.08.2021
Ernährung & Landwirtschaft

Projekt Agrarökologie Liechtenstein

Liechtenstein ist ein Land von hoher Lebensqualität und landschaftlicher Schönheit. Die Herausforderungen unserer Zeit kennen jedoch keine Landesgrenzen. Auch hier ändert sich das Klima, schwindet die Biodiversität und viele Menschen sind fehlernährt. Damit die vorhandene Lebensqualität erhalten bleibt, muss sich daher auch, aber nicht nur, das Landwirtschafts- und Ernährungssystem ändern.

Agrarökologie hat zum Ziel unsere Lebensgrundlagen – Boden, Wasser, Luft, natürliche Vielfalt – nachhaltig zu nutzen. Die Umsetzung dieses Zieles ist nicht beschränkt auf den Acker, stattdessen braucht und schafft die Agrarökologie eine neu-alte Verbindung zwischen den Bauern und den Menschen, die die Lebensmittel essen, also uns allen.

Denn indem wir unsere Wertschöpfungsketten und Konsumgewohnheiten so anpassen, dass wir weniger verbrauchen, können wir den Zielkonflikt zwischen landwirtschaftlichen Erträgen und Umweltwirkungen entschärfen. Das heisst: eine nachhaltige Ernährung ist erst die Voraussetzung für eine nachhaltige Landwirtschaft. Und: gutes Essen tut uns allen gut.

Mit dem Projekt «Agrarökologie Liechtenstein» wollen sich Landwirtschaftsfamilien und Konsumenten zusammentun, gemeinsam Neues ausprobieren und Altes widerentdecken und regionale Vermarktungswege aufbauen, die geprägt sind von Wertschätzung und Fairness. Die Landwirte wollen ihre Höfe öffnen und laden die Öffentlichkeit ein, Landwirtschaft wieder neu kennen zu lernen.

Das Projekt besteht aus drei Teilen: (1) dem «Bionetz», unserem Verbund an agrarökologischen Pionierbetrieben, (2) den «Feldfreunden», einem Verein von und für Alle die gutes Essen schätzen und (3) dem Projekt «Liechtensteiner Weiderinder», unserem Ansatz für eine agrarökologische Nutzung der Wiesen und Weiden. Damit wollen wir ein agrarökologisches System in und für Liechtenstein aufbauen; dies in einem gemeinsamen Prozess mit Landwirtinnen und Landwirten, Konsumenten, Verarbeitern, Bürgerinnen, Kindern und Erzieherinnen, Händlern, Lehrern und Politikerinnen und allen Beteiligten; die wir einladen, sich zu beteiligen.

Feldfreunde - ein Verein von, mit und für die Landwirtschaft
Die Produktion unserer Nahrungsmittel ist uns heute fremd geworden. Die Wenigsten von uns haben noch eine Vorstellung davon, wo diese herkommen oder wie die Landwirtschaft funktioniert. Dies ist nicht nur schade, sondern auch ein Problem für die nachhaltige Landwirtschaft! Wir alle haben einen Einfluss darauf, wie unsere Nahrung produziert wird, nutzen diesen aber nicht. Somit fördern wir unbewusst Strukturen und Praktiken, die unserer Umwelt und auch uns selbst schaden. Dies geschieht oft auch aus einem Mangel an Wissen, Zeit oder dem fehlenden Bezug zur Landwirtschaft.

Menschen, die Liechtenstein lieben und die sich ein nachhaltiges Ernährungssystem wünschen, die Feldfreunde, engagieren sich deswegen, indem sie gutes Essen in den Vordergrund stellen. Essen mit Genuss, ohne Verschwendung und ohne eine Übernutzung unserer Ressourcen. Denn nur eine nachhaltige Ernährung schafft die Voraussetzungen, damit eine nachhaltige Landwirtschaft überhaupt möglich wird. Eine nachhaltige Ernährung ist auch die Voraussetzung, dass Kinder gesund aufwachsen und gut lernen können.

Durch die Angebote der Feldfreunde sollen alle Menschen die das möchten, – besonders auch Kinder, Jugendliche und ihre Familien – die Möglichkeit bekommen, Landwirtschaft zu erleben und aktiv daran teilzunehmen. Die Feldfreunde sind ein Ort, an dem sich alle treffen können, die gutes Essen schätzen und eine Wende hin zu einer agrarökologischen Landwirtschaft anpacken wollen. Dies sind nicht nur die Konsumenteninnen, sondern auch Landwirte, lokale Organisationen, Gemeinden und Politiker, aber auch Firmen wie Lebensmittelläden, Bäckereien oder Restaurants.

Wir planen ein breites Veranstaltungsangebot: erlebte Landwirtschaft auf unseren Bionetz-Betrieben, Exkursionen mit Schulen und Kitas oder Kochkurse: wie verwende ich regionale und saisonale Zutaten? Daneben informieren wir über die agrarökologische Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion und geben Tipps für jeden Einzelnen, z.B. wie verwende ich Hülsenfrüchte als Alternative zum Fleisch? Die Inhaltliche Basis dieses Engagements sind die wissenschaftlichen Konzepte der Ernährungsökologie, der Agrarökologie und die Forschungserkenntnisse, die zeigen wie die Umweltwirkungen der Landwirtschaft geprägt werden durch unser Ess- Kauf- und Kochverhalten und die Wertschöpfungsketten, an denen wir teilnehmen.

Wir wollen ein Ort zum diskutieren sein und auch etwas ändern, deswegen sind die Feldfreunde auch ein Raum, um neue Konzepte einer agrarökologischen Landwirtschaft zu entwickeln und umzusetzen. Ein Platz, an dem sich Menschen aus allen Teilen der Gesellschaft treffen, ist ideal, um mit den gesammelten Erfahrungen etwas umzusetzen. Gutes Essen ist für Alle! Darum wollen wir ein Netzwerk sein, welches die Schaffung und Vermarktung von agrarökologischen Produkten und Dienstleistungen unterstützt und vorantreibt. Wodurch wir einen Mehrwert für die Landwirtschaft und dem Rest der Gesellschaft schaffen.

Bionetz Liechtenstein
Die Struktur der Landwirtschaft in Liechtenstein ist geprägt von einem hohen Anteil an Wiesen und Weiden und vergleichsweise wenig Ackerland. Trotzdem wird ein Teil des Ackers zum Anbau von Tierfutter genutzt, zum Beispiel Mais oder Getreide. Nachhaltig wäre es aber, diese Flächen direkt für die Produktion von Lebensmitteln zu verwenden. Für die gleiche Menge Essen, Kalorien oder auch Proteinen brauchen wir so weniger Fläche und erzeugen weniger Treibhausgase und Schadstoffe. Das ist Öko-Effizienz und ganz im Sinne der Agrarökologie! Es gibt zum Beispiel eine Vielzahl Getreidesorten, die unseren Speiseplan bereichern könnten. Hülsenfrüchte, zum Beispiel Linsen, Bohnen, Soja auch Erbsen, sind eine vielseitige Quelle von Proteinen, die auch in Liechtenstein angebaut werden kann. Oder?

In diesem Projekt wollen wir das Bionetz als Verbund von Pionier- und Leitbetrieben aufbauen, die Lust auf etwas Neues auf dem Acker haben. Gemeinsam testen wir in Praxisversuchen Konzepte für den verstärkten Anbau von Hülsenfrüchten oder Getreidesorten. Mit dem Bionetz schaffen wir das Know-How für die Kultivierung speziell für die Standortbedingungen der Landwirtschaftsbetriebe in Liechtenstein. Wir wollen das vorhandene bäuerliche Erfahrungswissen nutzen, das bestehende Wissen der lokalen Akteure diskutieren und auch die Erfahrungen nutzen, die in den Nachbarländern gemacht werden. Das Wissen, das wir im Bionetz schaffen, wollen wir mit allen interessierten Betrieben in Liechtenstein teilen. Geplant haben wir Fachveranstaltungen, Feldbegehungen, Praxisseminare und Fachtage.

Das Bionetz zielt auch auf Verarbeitung und die regionale Vermarktung. Denn wir brauchen innovative Produkte, die im Laden, in der Küche und am Tisch überzeugen. Sie sollen für die Produzenten ökonomisch sinnvoll, gut an regionale Bedingungen angepasst, gut vermarktbar sein sowie für die Konsumenten einen Mehrwert darstellen. Die Leitbetriebe im Bionetz sind auch Anlaufstellen und Exkursionsbetriebe mit denen sich Landwirtschaft erleben lässt. So hoffen wir auch, ein grosses Interesse an diesen neuen landwirtschaftlichen Produkten zu schaffen. Denn spätestens nach einer Freilandsaison soll es die ersten fertigen Produkte auf dem Markt geben.

Liechtensteiner Weiderinder
Liechtensteins Kühe prägen die landschaftliche Schönheit des Fürstentums; die Landwirtschaft in Liechtenstein ist traditionell geprägt von der Rinderhaltung. Und: die Wiederkäuer sind die einzigen, die aus dem Gras wertvolle Nahrung für Menschen machen können. Auch ist in den Böden des Graslandes ist viel CO2 gebunden, weswegen wir es erhalten wollen um unser Klima zu schützen.

Mit dem Projekt Liechtensteiner Weiderinder soll darum das Konzept einer agrarökologisch-tiergerechten Weidemast gemeinsam mit Modellbetrieben (Milch und Mast) von A-Z entwickelt werden. Ein Haltungssystem entsteht, welches sowohl ethisch und ökologisch hervorragend, als auch wirtschaftlich ist: die tiergerechte Bio-Weidemast zur Produktion von tiergerechtem Liechtensteiner Bio-Weidefleisch.

Das Weidemast-System könnte so aussehen: die Tiere werden nur mit Liechtensteiner Raufutter gefüttert, ganz ohne Kraftfutter und ganz ohne Mais (so brauchen wir kein Ackerland). Die Kälber werden auf dem Geburtsbetrieb aufgezogen, in Form der mutter- und ammengebundenen Kälberaufzucht. Das heisst die Kälber dürfen bei ihren Müttern oder Ammenkühen bleiben und werden nicht früh von ihnen getrennt oder gar auf einen anderen Betrieb gebracht. Im Idealfall sollen die Tiere ihr ganzes Leben auf einem Hof verbringen. Um dies zu erreichen, wollen wir die gemeinsame Milch- und Fleischproduktion auf demselben Hof fördern. Wo dies nicht geht, wird ein System aufgebaut, das es ermöglicht die Aufzuchttiere ohne Stress an andere Betriebe weiterzugeben, am besten Alpbetriebe. Hierzu fördern wir die Verwendung von Zweitnutzungsrassen, da so Barrieren zwischen der Milch- und Fleischproduktion abgebaut werden. Auch wollen wir eine hofnahe und stressfreie Schlachtmethode verwenden, ohne Lebendtiertransport. Die Tiere beenden ihr Leben ohne Leid, dort wo sie leben.

Das Projekt Liechtensteiner Weiderinder wird durch eine Zusammenarbeit mit bis zu vier Leitbetrieben aus dem Bionetz umgesetzt. Mit diesen und weiteren Partnern wird das System zusammen aufgebaut und Herausforderungen werden zusammen gemeistert. Wie bei den Ackerbau-Produkten, wollen wir einen regionalen Absatzkanal schaffen. Dies von der Schlachtung über die Verarbeitung bis hin zum Verkauf und der Zubereitung. Dies erreichen wir in Zusammenarbeit mit Verarbeitung, Handel und der Konsumentinnen.

Am Ende steht ein Produkt, bei dem die Kunden die Geschichte der Liechtensteiner Weiderinder kennen, bei dem die Wiesen und Weiden in Liechtenstein optimal nachhaltig genutzt werden und die Tiere die höchstmögliche Lebensqualität haben.