15/10/2025
Food & Agriculture

Food Waste: Ein Blick über den Tellerrand und vor die eigene Haustür

Wie weit sind unsere Nachbarn bei der Reduktion von Lebensmittelverlusten und wo stehen wir in Liechtenstein?

Rund ein Drittel aller produzierten Lebensmittel landet nie auf unseren Tellern. In der Schweiz sind das jährlich über 2,8 Millionen Tonnen, pro Person also etwa 330 Kilogramm. Diese Lebensmittel wurden mit viel Energie, Wasser und Fläche produziert und belasten die Umwelt, ohne dass sie jemals gegessen werden.

Seit 2022 verfolgt die Schweiz mit einem nationalen Aktionsplan gegen die Lebensmittelverschwendung das Ziel, diese vermeidbaren Verluste bis 2030 zu halbieren. Der aktuelle Zwischenstandsbericht 2025 der ZHAW zeigt, wie weit das Land gekommen ist und wo die grossen Herausforderungen liegen.

Erste Fortschritte aber noch ein weiter Weg

Seit dem Referenzjahr 2017 konnten die Lebensmittelverluste in der Schweiz um rund 5 % reduziert werden. Für das Ziel einer Halbierung bis 2030 wäre aber bereits eine Reduktion von rund 25 % nötig. Besonders erfolgreich war der Detailhandel, der seine Verluste um rund 20 % senken konnte. Auch in der Gastronomie zeigen Pionierbetriebe, dass bis zu 50 % weniger Abfälle möglich sind. In den Haushalten liegen die Verluste rund 13 % tiefer als 2017. Ein positives Signal, aber noch kein Trend. Für die Landwirtschaft fehlen bisher aktuelle Daten.

Wo ist der grösste Hebel?

Nicht jedes Kilo Lebensmittel hat die gleiche Umweltwirkung. Besonders relevant sind laut Bericht Verluste bei Fleisch- und Milchprodukten, Brot und Gemüse. Sie verursachen zusammen fast zwei Drittel der Umweltbelastung durch Food Waste. Die Vermeidung solcher Verluste ist die wirksamste Klimaschutzmassnahme im Ernährungsbereich: Würden alle Stufen der Wertschöpfungskette ihr Potenzial ausschöpfen, könnten pro Person jährlich rund 450 kg CO₂-Äquivalente eingespart werden.

Drei Hebel für den Wandel

Damit die Schweiz ihr Ziel noch erreicht, braucht es drei zentrale Schritte:

  1. Besseres Monitoring: Verlässliche Daten aus allen Sektoren, auch aus Landwirtschaft und Verarbeitung.

  2. Mehr Beteiligung: Auch kleinere Betriebe und Konsument*innen müssen aktiv werden.

  3. Klare Rahmenbedingungen: Verbindliche Regeln und Anreize, die Engagement belohnen und Innovation fördern.

Und wie steht es um Liechtenstein?

Der Blick über den Tellerrand in die Schweiz zeigt uns nicht nur was möglich ist, er macht auch deutlich, wo wir selbst noch am Anfang stehen. Denn während unsere Nachbarn bereits seit Jahren systematisch Daten erheben und Fortschritte messen, fehlt uns in Liechtenstein eine entscheidende Grundlage: die vollständige Erfassung von biogenen Abfällen aus Industrie und Gewerbe.

Das Datenproblem: Wir wissen nicht, wie viel wir verschwenden

Im Austausch mit dem Amt für Umwelt wird deutlich: Biogene Abfälle aus der Industrie (etwa von Hilcona oder Ospelt) und gewerbliche Speisereste aus Restaurants werden in Liechtenstein nur teilweise systematisch erfasst. Das Problem: Manche Entsorgungsunternehmen haben ihren Sitz in der Schweiz. Manche Gastronomiebetriebe entsorgen ihre Speisereste über spezialisierte Dienste wie die Fa. Grischa, andere nutzen die reguläre Grünabfuhr.

Das bedeutet: Wir können heute gar nicht genau sagen, wie viele Lebensmittel in Liechtenstein entlang der Wertschöpfungskette verloren gehen. Und ohne diese Datenbasis fehlt uns die Grundlage für wirksame Massnahmen.

Was wir bereits wissen und was fehlt

Die verfügbaren Daten aus der Abfallstatistik zeigen uns nur einen Teil des Bildes:

  • Grünabfuhr: Die Abholung der grünen Tonne durch den EZV, die nach Buchs zur Kompostierung transportiert wird

  • Grüngut: Gartenabfälle, die bei Kompostieranlagen und Sammelstellen im Land angeliefert werden

  • Industrieabfälle: Produktionsabfälle, die entweder in die Biogasanlage nach Widnau, die Kläranlage Altenrhein oder die KVA Buchs gehen

Was fehlt, sind genaue Mengen aus der Lebensmittelproduktion, -verarbeitung und Gastronomie. Genau dort, wo in der Schweiz die grössten Fortschritte erzielt wurden.

Der Weg nach vorne: Vier Schritte für Liechtenstein

Die Schweizer Erfahrungen zeigen, dass Fortschritt möglich ist, wenn alle Akteure zusammenarbeiten: Vom Acker über den Teller bis zum Kompost. Für Liechtenstein bedeutet das konkret:

1. Datenerfassung schaffen
Ohne Monitoring kein Management. Wir brauchen eine systematische Erhebung der Lebensmittelverluste entlang der gesamten Wertschöpfungskette: Von der Landwirtschaft über Verarbeitung und Handel bis zur Gastronomie. Eine solche Studie wäre die Grundlage für alle weiteren Schritte.

2. Regionale Strukturen stärken
Mit Initiativen wie dem Verein Feldfreunde, dem Verein Rheintalgas oder ZirkuLIE bestehen bereits Ansätze, die Kreisläufe schliessen und Ressourcen im Land halten. Diese Strukturen können als Brücke dienen, um auch die Erfassung und Verwertung biogener Abfälle aus Gewerbe und Industrie besser zu organisieren.

3. Pioniere unterstützen
In der Schweiz haben Vorreiterbetriebe in Handel und Gastronomie bewiesen, dass drastische Reduktionen möglich sind. Auch in Liechtenstein gibt es engagierte Betriebe. Sie brauchen Sichtbarkeit, Austausch und Anreize, damit ihr Engagement zum Standard wird.

4. Gemeinsam handeln
Food Waste ist kein Problem, das einzelne lösen können. Es braucht das Zusammenspiel von Landwirtschaft, Lebensmittelindustrie, Handel, Gastronomie, öffentlicher Hand und uns allen als Konsument*innen. Die Schweiz zeigt: Wenn alle an einem Strang ziehen, sind auch ambitionierte Ziele erreichbar.

Fazit: Vom Wissen zum Handeln

Der Schweizer Monitoring-Bericht ist für uns zweifach wertvoll: Er zeigt, was mit konsequentem Handeln möglich ist und er macht deutlich, dass wir in Liechtenstein erst am Anfang stehen. Bevor wir Fortschritte messen können, müssen wir überhaupt erst wissen, wo wir stehen.

Die gute Nachricht: Mit unserer überschaubaren Grösse und den bereits vorhandenen regionalen Strukturen haben wir beste Voraussetzungen, schnell und wirksam zu handeln. Jetzt braucht es den politischen Willen, die nötigen Daten zu erheben und die Bereitschaft aller Akteure, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen.

Denn eines ist klar: Jedes Kilogramm Lebensmittel, das nicht verschwendet wird, schont nicht nur Ressourcen und Klima, es ist auch ein Zeichen von Wertschätzung gegenüber dem, was auf unseren Feldern wächst und in unseren Betrieben produziert wird.